Ungeahnte Früchte der fränkischen Zwetschge

 

Erfahrt hier, wie die Hochschule Coburg und die Genussakademie Bayern Partner wurden und was die Doktorarbeit unseres Projektleiters Markus damit zu tun hat.

Studierende der Hochschule Coburg haben zum Thema „Geschmack und Aroma im Raum“ unterschiedliche Ansätze untersucht und entwickelt, wie die räumliche Gestaltung das Geschmackserlebnis beeinflusst. Schmeckt der Wein aus dem letzten Italien-Urlaub im heimischen Wohnzimmer tatsächlich weniger gut? Den Artikel der Hochschule gibt’s hier zum Nachlesen: www.hs-coburg.de/news-detailseite/im-urlaub-schmeckt-der-wein-am-besten.html

Bei der Zusammenarbeit der Hochschule Coburg und der Genussakademie Bayern zum Sommeliergipfel 2021 hatte auch CREAPOLIS seine Finger im Spiel. Genauer gesagt unser Projektleiter Markus, der sich vor einigen Jahren parallel zu seiner Doktorarbeit auf eine Reise zur fränkischen Zwetschge begeben hat, und nun einen Blick hinter die Kulissen gewährt …

Anfang 2017

Nach knapp fünf Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Erlangen, kam ich nach der Geburt unseres dritten Kindes zurück aus dem ersten Monat meiner Elternzeit. Und mein damaliger Chef und designierter Doktorvater hatte mir eine Frage mit auf den Weg gegeben. Ich solle ihm doch bitte sagen, ob ich noch gedenke meine Promotion abzuschließen - touché. Als ob ich während der Elternzeit nicht schon genug um die Ohren hätte, musste ich mir also auch noch wirklich fundamentale Gedanken über meine berufliche Vergangenheit und Zukunft machen.

Die Entscheidung für die Doktorarbeit fiel schließlich gewissermaßen vom Himmel - in Form eines Psalms im Gottesdienst. Ich weiß nicht mehr, welcher das war, aber er ging in die Richtung "du schaffst das" (von der Sorte gibt es ja mehrere). Also stand meine Entscheidung. Und damit war der Fahrplan für die nächsten Monate auch gesteckt: Im Sommer wollte ich noch einmal eine mehrmonatige Elternzeit in Angriff nehmen. "Sabbatical" nannte mein Chef das gerne mit einem Augenzwinkern. Und dafür musst es nun rasch gehen: Das Rigorosum, also die mündliche Doktorprüfung, war für Mitte Juli angesetzt, d.h. Abgabe meiner Dissertation spätestens Ende Mai. Ich hatte noch knapp fünf Monate Zeit und gerade einmal 30 Seiten zu Papier gebracht ...

Genau um diese Zeit trat die fränkische Zwetschge in mein Leben. An der Professur für Regionalentwicklung haben wir ein neues Projekt angenommen, das genauso schmackhaft war, wie es klang: "Potenzialanalyse der fränkischen Zwetschge". Auftraggeber war das Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) in Kulmbach mit seinem Geschäftsführer Dr. Simon Reitmeier. Unsere Potenzialanalyse war rückblickend vielleicht das schönste der zahlreichen Projekte, die ich im Bereich der Regionalentwicklung bearbeiten durfte. Neben einer sorgsamen Datenanalyse (wo werden die meisten Zwetschgen produziert in Bayern, Deutschland, Europa? usw.) führten mich die diversen Experteninterviews zu Zwetschgenbauern an die Mainschleife nach Volkach, zu Brennereien im Spessart (ja, inklusive Verkostung), Gasthäusern in die Fränkische Schweiz ... kurzum: das war ein echter Traum für jemanden, der nicht nur Franken, sondern auch die fränkische Kulinarik gern hat. Das abschließende Projekttreffen haben wir dann stilecht mit zweierlei Zwetschgenkuchen und "Madda's Zwetschgenlikör" begangen.

Rückblickend fällt es mir schwer zu sagen, wie wir dieses Projekt gewuppt haben und ich parallel meine Doktorarbeit zu Papier gebracht habe. Aber ganz verkehrt können unsere Erkenntnisse rund um die fränkische Zwetschge nicht gewesen sein, denn sonst wäre die folgende Episode so vielleicht nicht zu Stande gekommen.

Sommer 2020

Wieder bin ich (fast) in Elternzeit (ja, wir haben vier Kinder und nein, das waren keine "Unfälle" und ja, die haben wir uns alle gewünscht) und werfe einen Blick in meine Mails. Herr Reitmeier möchte mit mir telefonieren. Und unser Telefonat kurz darauf lässt mich ein bisschen in Erinnerung schwelgen und den Geschmack von fränkischem Zwetschgenwasser auf meiner Zunge ... halt, nein, es geht nicht um die Fränkische Zwetschge, sondern um den Sommeliergipfel, dessen zweite Auflage von der Genussakademie Bayern für den Sommer 2021 geplant ist. Ob wir an der Hochschule Coburg nicht so ein bisschen was drum herum machen könnten, also Ausstellung, Konzept, Gestaltung, rund um das Thema Geschmack. "Klar" verspreche ich vollmundig (Vorsicht: Wortspiel), da kriegen wir was hin ...

Nach ein paar Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen und ein paar Elternmonate später ist die Zusammenarbeit in trockenen Tüchern: Studierende des Studiengangs Innenarchitektur entwerfen unter der Leitung von Verena Fritsch im Rahmen eines sogenannten Stegreifs erste Ideen. Die Aufgabe bewegt sich an der Schnittstelle von Geschmack (Sommeliers) und Raum (Innenarchitekten): Beispiel gefällig? Ein fränkischer Zwetschgenbrand, im Holzfass gereift, schmeckt beim Brenner auf der Couch direkt neben der holzbefeuerten Destille einfach besser als daheim ...

Meine Doktorarbeit - aus den anfänglichen 30 wurden dann noch über 150 Seiten - habe ich tatsächlich noch 'in time' abgegeben, sämtliche Zwetschgenliköre und -brände sind inzwischen verzehrt, aber die fränkische Zwetschge begleitet mich immer dann, wenn ich unreife Exemplare dieser schönen Frucht im Supermarkt entdecke und feststelle, dass das "Aromaobst aus Franken" leider viel zu wenig Aroma hat, weil es viel zu früh geerntet wurde. Oder wenn ich lecker Zwetschgenkuchen esse (am liebsten auf Nuss-Mürbteig), ein gutes Zwetschgenwasser genieße oder an ein bewegtes erstes Halbjahr 2017 denke, das es in sich hatte und auch im Nachhinein so manche gute Frucht hervorgebracht hat.